Footprint Trading: wie wir Absorption, Delta und Stacked Imbalances handeln

Footprint Trading: wie wir Absorption, Delta und Stacked Imbalances handeln

Kian AminyKian Aminy22. September 202613 min Lesezeit

Footprint Trading bedeutet nicht, ein neues Chartbild einzuschalten und ab morgen bessere Einstiege zu haben. Der Footprint macht Level-2-Daten sichtbar, also das, was innerhalb einer Kerze wirklich passiert ist. Und genau das muss man lesen lernen. In unserer Ausbildung rechnen wir mit 200 bis 300 Stunden Screentime für ein gutes Marktverständnis und mit mindestens 1.000 Stunden für ein sauberes Rundum-Verständnis.

In diesem Artikel zeigen wir dir die Lesart, die wir unterrichten: Absorption, Exhaustion, Stacked Imbalances, Clusterbildung und POC-Shift sowie das Delta. Danach leiten wir daraus zwei Setups ab und gehen ein Praxisbeispiel im NQ durch. Am Ende weißt du auch, warum der Footprint für uns am Ende der Analysekette steht und nicht am Anfang.

Footprint Trading: die Kerze als Auktion lesen

Footprint Trading heißt, innerhalb jeder einzelnen Kerze zu lesen, wie viel Volumen auf jedem Preis-Tick im Bid und im Ask gehandelt wurde, und daraus abzuleiten, welche Seite gerade aktiv ist. Nicht der Kerzenkörper entscheidet, sondern die Verteilung des Volumens darin.

Was ein Footprint-Chart technisch darstellt, haben wir im Lexikon erklärt, hier geht es um die Frage, wie wir damit handeln. Die Orderflow-Analyse ist dabei eine eigenständige Analyseform neben der technischen, der fundamentalen und der Sentiment-Analyse: Sie beobachtet Orderbuch und Footprint-Kerzen, um aus den tatsächlich ausgeführten Aufträgen Rückschlüsse auf die weitere Kursrichtung zu ziehen (Wikipedia: Order flow trading).

Wir lesen den Footprint diagonal, von unten links nach oben rechts, und stellen dabei immer dieselben drei Fragen: Wo wird ein Preis verteidigt? Wo geht einer Seite die Kraft aus? Wohin verlagert sich das Volumen? Diese drei Fragen sind gleichzeitig die Gliederung dieses Artikels, und die Reihenfolge, in der wir eine Kerze in der Live-Session auseinandernehmen.

Bid, Ask und Delta: die Zahlen in der Kerze richtig gewichten

Auf jedem Preis-Tick stehen im Footprint zwei Zahlen. Die linke zeigt das Volumen, das auf der Geld-Seite ausgeführt wurde, die rechte das Volumen auf der Brief-Seite. Der Geldkurs ist der Preis, den ein Käufer maximal zu zahlen bereit ist, der Briefkurs sein Gegenstück auf der Verkäuferseite; die Spanne dazwischen ist ein Maßstab für die Liquidität (Wikipedia: Geldkurs). Die Rohdaten dafür stammen aus dem Orderbuch, das alle vorliegenden Aufträge nach Preis und Eingangszeitpunkt sortiert und die Grundlage der Kursermittlung bildet (Wikipedia: Orderbuch). Zusammengeführt werden diese Aufträge nach dem Prinzip der Preis-Zeit-Priorität; das beste Kauf- und das beste Verkaufsgebot bilden zusammen den engsten Markt (Wikipedia: Central limit order book). Die Deutsche Börse zeigt an ihrem offenen Xetra-Orderbuch anschaulich, dass sich aus dem Verhältnis von Kauf- zu Verkaufsvolumen je Preisstufe Muster wie Aufwärtstrend, Verkaufsdruck oder Seitwärtsphase ablesen lassen (Deutsche Börse: Das offene Xetra-Orderbuch).

Genau an dieser Stelle bleiben Einsteiger nach unserer Erfahrung hängen: Sie bewerten einzelne Zahlen, statt sie ins Verhältnis zu setzen. 400 Kontrakte im Ask sind für sich genommen bedeutungslos. Erst im Bezug zum Gesamtvolumen der Kerze, zur Markttiefe und zu dem, was der Preis danach tut, entsteht eine Aussage. Markttiefe ist dabei nichts anderes als die Fähigkeit eines Marktes, Volumen ohne signifikante Preisveränderung aufzunehmen (Wikipedia: Markttiefe), mathematisch ausgedrückt die Ordergröße, die nötig ist, um den Preis um einen bestimmten Betrag zu bewegen (Wikipedia: Market depth).

Das Delta ist die Differenz aus aggressiv gekauftem und aggressiv verkauftem Volumen. Das kumulative Delta zeigt, welche Seite über einen Zeitraum dominiert, steigt es, dominieren die aktiven Käufer. Der praktisch wichtigste Punkt ist aber nicht der Wert selbst, sondern die Verlangsamung: Das Delta steigt weiter, aber langsamer und langsamer, während der Preis kaum noch mitgeht. Dort wird passiv absorbiert. Eine Delta-Divergenz ist für uns deshalb eine Interpretationsgrundlage, ausdrücklich kein Einstiegssignal.

  • Linke Zahl: ausgeführtes Volumen auf der Geld-Seite (Bid).
  • Rechte Zahl: ausgeführtes Volumen auf der Brief-Seite (Ask), einen Tick höher gelesen.
  • Delta der Kerze: die Differenz beider Seiten, Aussage nur im Verhältnis zum Gesamtvolumen.
  • Kumulatives Delta: die Summe über die Session, interessant vor allem dort, wo es abflacht.

Wie viel ein solcher Tick wert ist, legt die Börse in den Kontraktspezifikationen fest. Für den E-mini S&P 500 nennt die CME Group als Kontraktgröße „$50 x S&P 500 Index“ und als kleinste Preisveränderung im Outright „0.25 index points = $12.50“ (CME Group: E-mini S&P 500 Contract Specs). Für den E-mini Nasdaq-100 stehen dort „$20 x Nasdaq-100 Index“ und „0.25 index points = $5.00“ (CME Group: E-mini Nasdaq-100 Contract Specs). Ein Tick ist in beiden Märkten also ein Viertel Indexpunkt, im ES steht dahinter aber deutlich mehr Geld als im NQ.

Absorption: wenn ein Preis verteidigt wird

Absorption bedeutet die Verteidigung eines Preises oder Preisbereichs. Ein Preis entspricht dabei einem Tick, ein Preisbereich je nach Instrument drei bis sechs Ticks. Jemand legt sich passiv gegen die aggressiven Marktteilnehmer und nimmt deren Volumen auf, ohne den Preis weiterlaufen zu lassen.

  • Es wird mehr Volumen geprintet, als im Orderbuch auf diesem Preis sichtbar liegt.
  • Der Markt kommt trotz des Volumens nicht weiter, die Kerze wächst in der Zahl, nicht im Preis.
  • Dahinter stecken häufig Iceberg-Orders, also limitierte Orders, bei denen im offenen Orderbuch nur ein Bruchteil des tatsächlichen Volumens sichtbar ist. Institutionelle Anleger nutzen sie, um keine abschreckende Wirkung und keine starken Kursbewegungen auszulösen (Wikipedia: Eisbergorder).

Das Lehrbeispiel, mit dem wir das erklären, ist bewusst simpel: Auf einem Preis liegen 300 Kontrakte. Es werden mehr als 300 Kontrakte gehandelt. Und der Preis bewegt sich trotzdem nicht. Dann wurde nachgeladen, der Preis wird verteidigt.

Entscheidend für den Trade ist aber nicht, wie die Absorption gebildet wird, sondern wie sie gebrochen wird. Bricht sie und der Markt tickt anschließend schnell wieder zurück, ist eine kurzfristige Korrektur wahrscheinlich: Die Marktteilnehmer, die sich frisch in Richtung des Ausbruchs positioniert haben, werden verunsichert und müssen ihre Positionen verteidigen oder auflösen. Bricht sie dagegen sauber und der Markt hält die neuen Preise, war die Verteidigung erledigt. Beides sind Beobachtungen, keine Handelsempfehlungen, und wir arbeiten hier bewusst ohne Trefferquoten.

Exhaustion: wenn einer Seite die Munition ausgeht

Absorption oder Exhaustion im Footprint-Chart: aktive Verteidigung eines Preises gegen nachlassende Kraft einer Seite

Exhaustions sind nichts anderes als der Start von Konsolidierungen. Nach einer starken Bewegung erschöpft sich die treibende Seite, und der Markt hört auf, neue Preise zu akzeptieren. Das ist etwas völlig anderes als Absorption: Absorption ist die aktive Verteidigung eines Preises durch passive Orders, Exhaustion ist nachlassende Kraft einer ganzen Seite.

  • Gleiches Volumen bei immer kleiner werdenden Rotationen.
  • Sichtbarer Volumenabbau in Trendrichtung.
  • Sinkende Geschwindigkeit, der Markt wird noch gedrückt, aber es fehlt die Kraft dahinter.
  • Die neuen Preise werden reflexartig abgelehnt statt angenommen.

Wir formulieren das in der Ausbildung so: Die Munition ist immer irgendwann leer. Es gab noch keinen Handelstag, an dem der Markt vom ersten bis zum letzten Tick nicht ein einziges Mal korrigiert hat. Und dafür braucht es nicht einmal eine Gegenseite, auch ohne aggressive Verkäufer nehmen Käufer irgendwann Gewinne mit, und das reicht schon, damit die Bewegung stehen bleibt.

Die typische Folge ist die Rückkehr zum Value, also zurück in die letzte Balance-Zone mit akzeptierten Preisen. Genauso wichtig ist die Einordnung: Wir suchen Exhaustions immer in Bias- und Kontextrichtung. Wer jede Erschöpfung als Umkehrsignal handelt, steht im Trend permanent auf der falschen Seite.

Stacked Imbalances: der Fußabdruck der Großen

Stacked Imbalances im Footprint: mindestens drei diagonale Ungleichgewichte in Folge als Support-Zone gelesen

Eine Stacked Imbalance entsteht, wenn auf mindestens drei aufeinanderfolgenden Preisen das Dreifache des Volumens gegenüber der jeweils anderen Seite gehandelt wird. Eine oder zwei einzelne Imbalances sind ausdrücklich noch keine Stacked Imbalance. Nach oben ist die Zahl offen: zehn, zwanzig oder dreißig Ticks am Stück kommen vor.

Für uns ist sie der Fußabdruck institutioneller Marktteilnehmer schlechthin, ein Retailer kann so etwas schlicht nicht printen. Sie entsteht durch aggressive Marktteilnehmer über Market Orders und kann ein Zeichen für entstehendes Momentum sein, also für eine steigende Velocity. Dass Kauf- und Verkaufs-Imbalances im Footprint als Hinweise auf Unterstützung beziehungsweise Widerstand gelesen werden, ist auch außerhalb unserer Lehre beschrieben (Quelle: Wikipedia: Order flow trading).

  • Sie dienen als Support- und Widerstandszonen, weil die Institutionen ihre Zonen verteidigen.
  • Sie taugen als Ablehnungslokation, in Trend- wie in Gegentrendrichtung.
  • Nach unserer Erfahrung halten sie oft auch noch nach dem ersten Durchhandeln.
  • Sie verlieren ihre Relevanz, wenn der Markt rund um sie Akkumulation bildet oder sie nicht mehr tick-genau verteidigt werden.

Zeitlich musst du nicht lange warten: Stacked Imbalances kommen täglich vor, besonders ab der US-Session, wenn Volumen und Geschwindigkeit anziehen.

Cluster und POC-Shift: wohin sich das Volumen in der Kerze verlagert

Hier trennen wir zwei Dinge, die ständig verwechselt werden. Der POC innerhalb der Kerze ist der meistgehandelte Preis einer einzelnen Kerze. Der Point of Control (POC) des Tages ist der meistgehandelte Preis des gesamten Volumenprofils. Das sind zwei verschiedene Werkzeuge mit zwei verschiedenen Aufgaben.

Wandern die Kerzen-POCs von Kerze zu Kerze nach oben, waren die Marktteilnehmer bereit, zu höheren Preisen zu handeln. Diesen POC-Shift lesen wir als eigenständiges Kriterium: Das Hauptvolumen verlagert sich aus der Mitte nach oben oder nach unten, und diese Volumenverlagerung erzählt die Geschichte der Kerze oft klarer als ihr Schlusskurs. Warum Volumenkonzentrationen überhaupt eine Anziehungskraft entwickeln, beantwortet die Auction Market Theory.

Beim Thema Clusterbildung und Volumenkompression stellen wir in der Ausbildung drei Fragen: Wo bildet sich das Cluster? Wie schnell bildet es sich? Und wie kombiniere ich es mit meinen Point-of-Interest-Zonen?

  • Stop-Loss-Orientierung: Cluster sind für uns die bevorzugte Orientierung für die Stop-Loss-Platzierung, der Stop gehört hinter eine verteidigte Zone und nicht auf eine runde Zahl.
  • Gebrochene Cluster: Aus einem Widerstand kann ein Support werden. Bildet sich dort erneut ein Cluster, bleibt die Zone handelbar.
  • Tages-POC: Er liefert keine Entry-Signale. Er hilft bei der Gewichtung des Bias, mehr nicht.

Warum der Footprint allein kein Setup ist

Analysekette im Orderflow: Bias, Kontext, Zone und erst am Ende der Footprint als Bestätigung in der Kerze

Ein großer Teil dessen, was online zum Footprint geschrieben wird, stammt von Software-Anbietern und verkauft ihn als Feature. Für uns ist er das nicht. Der Footprint ist ein Analysetool, kein Handelssystem, und bei uns steht er am Ende der Kette, nicht am Anfang: zuerst der Bias, dann der Kontext aus Volumenprofil und VWAP, dann die Zone, und erst dann die Bestätigung in der Kerze. Die Vogelperspektive beizubehalten ist in jedem Chart essenziell.

Den Bias und die relevanten Zonen erarbeiten wir wöchentlich live, sonntags im Handelsverlauf-Webinar und direkt danach im Weekly Recap. Die Grundlagen dazu haben wir in unserem Guide zu Orderflow Trading zusammengefasst.

  • Footprint plus Heatmap: Der Footprint zeigt die Stacked Imbalances, die Heatmap erklärt das Warum dahinter. Diese Kombination harmoniert für uns am besten.
  • Footprint plus Volumenprofil: Das Profil liefert die Zonen, der Footprint die Bestätigung in der Zone.
  • Footprint plus VWAP: als Fair-Value-Orientierung für die Frage, ob ein Preis teuer oder billig gehandelt wird.

Dazu die ehrliche Einschränkung: Für Struktur-Trading auf M15 mit Daily Profile und H1 mit Weekly Profile brauchst du gar keinen Footprint. Er ist vor allem ein Scalping- und Timing-Werkzeug, und wenn dein Ansatz keine Timing-Präzision im Sekundenbereich verlangt, kostet er dich mehr Aufmerksamkeit, als er dir zurückgibt. Auch das gehört zur Einordnung: Orderflow-Analyse ist eine Analyseform neben anderen, nicht die eine richtige.

Zwei Setups, die wir aus dem Footprint ableiten

Setup 1: Cluster-Ablehnung nach Entschleunigung

  • Ausgangslage ist ein starker Impuls mit Stacked Imbalances und einem klaren Delta in Bewegungsrichtung.
  • Danach die sichtbare Entschleunigung: kleinere Rotationen, abflachendes Delta, und auf einem Preisbereich bildet sich ein Cluster.
  • Setup-Bestätigungsparameter ist der Schlusskurs der 5-Minuten-Kerze über oder unter dem Cluster.
  • Der zweite Anlauf in das Cluster wird abgelehnt, diese doppelte Bestätigung ist uns wichtiger als der erste Reflex.
  • Der Stop-Loss liegt einige Ticks hinter dem Cluster, nicht auf einer runden Zahl.

Setup 2: Exhaustion in Bias-Richtung

  • Die Bewegung läuft mit immer kleineren Rotationen und abflachendem Volumen aus.
  • Die Kerzen-POCs shiften nicht mehr weiter in Trendrichtung, die Volumenverlagerung stoppt.
  • Die neuen Preise werden reflexartig abgelehnt statt gehalten.
  • Die Erwartung ist die Rückkehr zum Value, nicht der Trendbruch, das ist der Unterschied zwischen einer Konsolidierung und einer Umkehr.
  • Gesucht wird ausschließlich in Bias- und Kontextrichtung, nie gegen den übergeordneten Rahmen.

Beide Setups sind Teil eines größeren Aufbaus, den wir in unserem Orderflow Mastery-Modul Schritt für Schritt durchgehen. Zur Positionsgröße nur so viel: Wähle sie so, dass ein einzelner Trade ungefähr ein bis zwei Prozent deines Kontos kostet, das ist individuell, und Konstanz schlägt am Ende jeden Prozentwert. Bitte behandle die obigen Setups als Einblick, nicht als vollständiges Handelssystem.

Praxisbeispiel: Cluster-Ablehnung im NQ nach dem Cash Open

Praxisbeispiel im NQ nach dem Cash Open: Abverkauf, Entschleunigung, Cluster-Aufbau und abgelehnter Anlauf

Nach dem Cash Open verkauft der NQ ab. Das Delta ist deutlich negativ, und im Abverkauf printen mehrere Stacked Imbalances auf der Verkäuferseite, die Bewegung ist also nicht nur schnell, sondern auch getragen. Dann passiert das, worauf wir eigentlich warten: Der Markt entschleunigt. Die Rotationen werden kleiner, das Volumen pro Kerze bleibt hoch, aber der Preis kommt kaum noch weiter. Auf einem engen Preisbereich baut sich ein deutliches Cluster auf.

Wir handeln diesen Moment nicht sofort. Wir warten den Schluss der 5-Minuten-Kerze ab: Sie schließt unter dem Cluster, das Bild bleibt schwach. Anschließend läuft der Markt ein zweites Mal in das Cluster hinein und wird dort abgelehnt. Diese Ablehnungskerze ist unsere Bestätigung, nicht die erste Reaktion, sondern die zweite.

Der Einstieg liegt unter der Zone, der Stop-Loss einige Ticks über dem Cluster beziehungsweise über dem Hoch der Ablehnungskerze. Parallel prüfen wir den ES-Footprint. ES und NQ betrachten wir grundsätzlich zusammen, und ein Trade gegen die Korrelation ist für uns kein Trade: Wenn der ES dasselbe Bild nicht bestätigt, lassen wir es. Für das Management dienen die nächsten Cluster-Levels darunter als Orientierung; Teilgewinne nehmen wir dort, wo der Markt sichtbar wieder Volumen aufbaut, weil genau dort die Gegenseite auftaucht. Die Positionsgröße und den Stop passen wir an die Volatilität des Tages an, nicht den Markt an unseren Plan.

Dabei hilft der Blick auf den Kontrakt: Hinter einem Tick steht im E-mini S&P 500 ein größerer Geldbetrag als im E-mini Nasdaq-100. Dieselbe Stop-Distanz in Ticks bedeutet in den beiden Märkten deshalb nicht dasselbe Risiko, wir rechnen sie vor dem Einstieg in Geld um.

Und der ehrliche Teil: Dieses Bild entsteht nicht jeden Tag. Häufig entschleunigt der Markt, bildet aber kein sauberes Cluster. Oder das Cluster bildet sich, und die zweite Ablehnung bleibt aus. Dann gibt es schlicht keinen Trade. Kein schlechteres Setup, kein kleinerer Einstieg, kein Trade.

Fünf Fehler, die wir beim Footprint immer wieder sehen

  1. Überfrachtung. Footprint, Heatmap, Tick-Chart und drei Indikatoren gleichzeitig: Das ist der häufigste Anfängerfehler aus unseren Sessions, weil man irgendwann überfordert ist statt fokussiert. Du brauchst nicht 1000 Sachen, sondern eine schlanke Kombination, die für dich funktioniert.
  2. Zahlen ohne Bezug lesen. Bid- und Ask-Werte einzeln zu bewerten, statt sie ins Verhältnis zum Gesamtvolumen der Kerze zu setzen, führt zuverlässig zu Fehldeutungen, dahinter steckt meist das fehlende Grundverständnis, dass der Footprint Level-2-Daten verarbeitet.
  3. Den Footprint als Einstiegssignal missverstehen. Ohne Bias und Kontext ist die Kerze nur eine Zahlenwand. Dazu gehört auch, den Tages-POC für ein Entry-Signal zu halten, er ist ein Gewichtungsfaktor für den Bias, kein Trigger.
  4. Jede Imbalance für eine Stacked Imbalance halten. Unter drei aufeinanderfolgenden Preisen mit dem dreifachen Volumen ist es schlicht keine, und die Zone hat dann auch nicht die Bedeutung, die ihr zugeschrieben wird.
  5. Zu kleiner Timeframe. Wer im 1-Tick-Rauschen sucht, sieht überall Absorption. Wir haben uns aus genau diesem Grund von einem Teil der Tick-Charts verabschiedet: zu viel Marktrauschen für zu wenig Aussage.

Und weil der Footprint so präzise wirkt: Futures bleiben gehebelte Produkte. In Deutschland untersagt die BaFin seit 2023 den Vertrieb von Futures mit Nachschusspflicht an Privatkunden, bei Brokern außerhalb dieses Rahmens können Verluste über den Einsatz hinausgehen. Kein Lesesignal aus dem Footprint ändert daran etwas. Deshalb steht bei uns der Kapitalerhalt vor dem Tempo.

Fazit

Footprint Trading ist kein Indikator, den man anschaltet, sondern eine Lesart. Die Fragen bleiben dabei immer dieselben: Wo wird ein Preis verteidigt (Absorption)? Wo geht einer Seite die Kraft aus (Exhaustion)? Wo hinterlassen die Großen ihren Fußabdruck (Stacked Imbalances)? Und wohin verlagert sich das Volumen (Clusterbildung und POC-Shift)?

Ohne Bias und Kontext bleibt das Ganze Zahlensalat, deshalb steht der Footprint bei uns am Ende der Analysekette und nicht am Anfang. Wenn du das Lesen des Orderflows strukturiert lernen willst, statt dir Videos zusammenzusuchen, findest du den passenden Aufbau in unserer Daytrading-Ausbildung.

  1. Wikipedia: Order flow trading, en.wikipedia.org
  2. Wikipedia: Geldkurs, de.wikipedia.org
  3. Wikipedia: Orderbuch, de.wikipedia.org
  4. Wikipedia: Markttiefe, de.wikipedia.org
  5. Wikipedia: Eisbergorder, de.wikipedia.org
  6. Deutsche Börse: Das offene Xetra-Orderbuch, live.deutsche-boerse.com
  7. Wikipedia: Market depth, en.wikipedia.org
  8. Wikipedia: Central limit order book, en.wikipedia.org
  9. CME Group: E-mini S&P 500 Futures Contract Specs, cmegroup.com
  10. CME Group: E-mini Nasdaq-100 Futures Contract Specs, cmegroup.com

Häufig gestellte Fragen

Antworten zu diesem Thema

Was bedeutet Footprint?
Footprint heißt wörtlich Fußabdruck. Im Trading ist damit der Abdruck gemeint, den das gehandelte Volumen je Preis-Tick innerhalb einer Kerze hinterlässt, getrennt nach Bid und Ask. Wie diese Kerzen aufgebaut und diagonal gelesen werden, ist auch enzyklopädisch beschrieben (Wikipedia: Order flow trading); die ausführliche Definition findest du in unserem Lexikon-Eintrag zum Footprint-Chart.
Welcher Chart für Daytrading?
Das hängt vom Handelsansatz ab, nicht vom Geschmack. Für Struktur-Trading nutzen wir M15 mit Daily Profile und H1 mit Weekly Profile, dafür braucht es keinen Footprint. Für Orderflow und Scalping arbeiten wir mit M1 bis M5 plus Footprint, teils mit Tick-Charts wie dem 900er im ES und NQ. Von letzteren sind viele von uns inzwischen abgekommen, weil zu viel Marktrauschen entsteht. Eine pauschale Empfehlung gibt es hier nicht.
Welche Strategien gibt es für Volumentrading?
Wir lehren im Kern vier Familien: die Arbeit mit dem Volumenprofil (POC, Value Area, Kanten der Volumenberge), Cluster- und Absorptionsarbeit im Footprint, Exhaustion nach starken Bewegungen sowie Stacked Imbalances als Ablehnungslokation. Alle vier brauchen einen Bias als Rahmen, sonst werden daraus beliebige Einstiege. Einen breiteren Überblick haben wir unter Volumen Trading lernen zusammengestellt.
Welche Trading-Strategie ist die beste?
Es gibt keine beste Strategie, sondern eine, die zu deinem Zeitbudget, deiner Persönlichkeit und deinem Marktverständnis passt. Wer vormittags arbeitet, wird mit einem Scalping-Ansatz auf dem Cash Open nicht glücklich. Was wir in der Ausbildung immer wieder sehen: Konstanz in der Ausführung schlägt die Wahl der Strategie deutlich. Eine Rangliste der Strategien wäre unseriös, und Renditeversprechen sowieso.
Braucht man den Footprint-Chart als Anfänger?
Nein. Wir empfehlen, zuerst Marktverständnis und Bias aufzubauen und den Footprint danach als Timing- und Bestätigungswerkzeug dazuzunehmen. Wer mit dem Footprint startet, sieht Zahlen statt einer Auktion, und verwechselt Detailtiefe mit Klarheit.
Wie lange dauert es, den Footprint lesen zu lernen?
Ehrliche Zahlen aus unserer Ausbildung: rund 200 bis 300 Stunden Screentime für ein gutes Marktverständnis und mindestens 1.000 Stunden für ein sauberes Rundum-Verständnis. Das Orderflow-Modul selbst umfasst etwa 40 bis 45 Stunden Webinare. Eine Abkürzung dahin versprechen wir dir nicht.
Kian Aminy
Über den Autor

Kian Aminy

Senior Trader, Mentor

Kian Aminy ist Vollzeit-Trader und Mentor bei Traivend. Er handelt Futures auf Basis von Orderflow, Bias und Marktlogik und begleitet Auszubildende von den Grundlagen bis zur eigenständigen Marktanalyse.

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