Revenge Trading: Warum du nach Verlusten weiterhandelst und wie du es stoppst
Zurück zum BlogPsychologie

Revenge Trading: Warum du nach Verlusten weiterhandelst und wie du es stoppst

Kaan AslanKaan Aslan2. September 202613 min Lesezeit

Der Stop ist gerissen, der Verlust steht im Konto, und deine Hand liegt schon wieder auf der Maus. Genau in diesem Moment beginnt Revenge Trading: Du legst nach, um den Verlust sofort zurückzuholen, nicht weil der Markt dir ein Signal gibt. Das ist kein Charakterfehler und kein Zeichen von Schwäche, sondern eine vorhersagbare Reaktion auf Verlustschmerz. Sie zeigt sich bei erfahrenen Tradern genauso wie bei Einsteigern.

In diesem Artikel bekommst du drei Dinge: einen Selbsttest, mit dem du den Modus in dreißig Sekunden erkennst, ein durchgerechnetes Beispiel, das zeigt, was ein einziger Nachlege-Tag rechnerisch kostet, und Regeln, die greifen, bevor die Emotion überhaupt da ist. Ein Versprechen, dass der Impuls nach dem Lesen weg ist, bekommst du nicht.

Revenge Trading ist einer von mehreren Denkfehlern, die Trader immer wieder Geld kosten. Im Überblick haben wir die 5 größten Denkfehler im Trading bereits behandelt. Dieser Artikel geht nur auf diesen einen ein, dafür in die Tiefe.

Was ist Revenge Trading?

Revenge Trading bezeichnet das impulsive Nachlegen weiterer Trades unmittelbar nach einem Verlust, mit dem Ziel, diesen Verlust so schnell wie möglich auszugleichen. Der Auslöser ist der Kontostand, nicht das Marktsignal. Typisch sind ein verkürzter Abstand zum letzten Trade, eine erhöhte Positionsgröße und ein gedehnter oder ganz fehlender Stop.

Das entscheidende Merkmal ist also nicht die Anzahl der Trades. Zehn Trades an einem Tag können völlig sauber sein, wenn jeder einzelne aus einem gültigen Signal entsteht. Zwei Trades können Revenge Trading sein, wenn der zweite nur deshalb existiert, weil der erste rot war. Die ehrliche Prüfung lautet deshalb immer: Hätte ich diesen Trade auch genommen, wenn der vorherige im Gewinn geschlossen hätte? Wenn die Antwort nein ist, kommt der Einstieg aus dem Konto und nicht aus dem Markt.

Der Begriff selbst stammt nicht aus der Charttechnik, sondern aus der Verhaltensökonomie. Er beschreibt eine Sonderform von Emotional Trading und hängt eng mit der Verlustaversion zusammen, also der gut dokumentierten Neigung, Verluste stärker zu gewichten als gleich große Gewinne. Wir gehen im nächsten Abschnitt darauf ein, weil sich daraus erklärt, warum ausgerechnet nach einem Verlust die schlechtesten Entscheidungen entstehen.

Warum Revenge Trading entsteht: was im Kopf wirklich passiert

Drei Mechanismen hinter Revenge Trading: Verlustaversion, Selbstbild und Scham, Kontrollverlust

Wut, Angst, Scham und Gier werden in Ratgebern gern in einer Reihe aufgezählt. Das hilft wenig, weil es drei verschiedene Mechanismen vermischt. Sinnvoller ist es, sie zu trennen. Wir sehen in der Betreuung regelmäßig, dass Trader sich selbst besser steuern können, sobald sie wissen, welcher der drei gerade läuft.

Verlustaversion: der Schmerz wiegt schwerer als der Gewinn

Ein Verlust von 250 Euro fühlt sich nicht wie das Spiegelbild eines Gewinns von 250 Euro an. Er wiegt deutlich schwerer. Die Wertfunktion der Prospect Theory ist für Verluste steiler als für Gewinne (Kahneman und Tversky, Econometrica, 1979). Spätere Messungen beziffern das Verhältnis im Durchschnitt auf das Anderthalb- bis Zweieinhalbfache. Dazu kommt ein zweiter Befund aus derselben Arbeit, der für Trader noch unangenehmer ist: Im Verlustbereich handeln Menschen nicht risikoscheu, sondern risikofreudiger. Genau das erklärt, warum der Trade nach dem Verlust größer wird und nicht kleiner. Der Impuls ist also keine Fehlfunktion, sondern normales menschliches Entscheidungsverhalten, wie es die Behavioral Finance beschreibt.

Selbstbild und Scham: der Verlust wird persönlich

Der zweite Mechanismus hat mit Geld wenig zu tun. Ein roter Trade wird nicht als statistisches Ereignis gelesen, sondern als Urteil über die eigene Fähigkeit. Dabei ist ein einzelner Verlust in einer Serie mit positivem Erwartungswert schlicht der Normalfall. Auch bei einer Trefferquote von 65 bis 70 Prozent ist jeder dritte Trade rot, und diese roten Trades kommen nicht gleichmäßig verteilt, sondern in Blöcken. Wer das weiß und trotzdem jeden Verlust persönlich nimmt, gerät unter Rechtfertigungsdruck vor sich selbst. Der nächste Trade soll dann beweisen, dass man es doch kann. Ein Beweisantritt ist aber kein Setup. Wie sich diese Erwartungshaltung schon in der Lernphase aufbaut, beschreiben wir in unserem Leitfaden zum Daytrading lernen.

Kontrollverlust: Handeln fühlt sich besser an als Warten

Der dritte Mechanismus ist der körperliche. Nach einem Verlust schaltet der Organismus in eine Stressreaktion, die einer Kampf-oder-Flucht-Situation ähnelt. Untätigkeit fühlt sich dann nach Ohnmacht an, ein neuer Trade stellt scheinbar Handlungsfähigkeit wieder her. Dass dieser Effekt nicht nur Privatanleger betrifft, ist gemessen worden: Bei professionellen Händlern zeigten Hautleitwert und Herzfrequenz während Marktbewegungen deutliche autonome Reaktionen, Emotion ist also auch bei erfahrenen Marktteilnehmern ein realer Faktor der Risikoverarbeitung (Lo und Repin, NBER-Zusammenfassung, 2002). Wer glaubt, er müsse den Impuls nur wegdenken, kämpft gegen die eigene Physiologie. Deshalb liegt die Lösung später in diesem Artikel auch nicht bei mehr Willenskraft, sondern bei Regeln.

Selbsttest: Bin ich gerade im Revenge-Trading-Modus?

Selbsttest in sieben Fragen: Bin ich gerade im Revenge-Trading-Modus?

Dieser Test dauert dreißig Sekunden und funktioniert nur, wenn du ehrlich antwortest. Er ist für den Moment gedacht, in dem die Order-Maske schon offen ist. Geh die sieben Fragen durch und zähle deine Ja-Antworten.

  1. Hast du den letzten Trade eröffnet, ohne dein Setup vollständig abzuwarten?
  2. Ist deine Positionsgröße höher als bei deinem ersten Trade heute?
  3. Denkst du gerade in Euro oder Dollar statt in Punkten und Wahrscheinlichkeiten?
  4. Hast du deinen Stop-Loss weiter weggezogen oder gar nicht erst gesetzt?
  5. Liegt zwischen dem letzten Verlust und dem nächsten Einstieg weniger Zeit als sonst?
  6. Wäre es dir unangenehm, wenn dir jemand gerade über die Schulter schaut?
  7. Willst du den heutigen Tag unbedingt grün abschließen?

Die Auswertung ist unspektakulär und genau deshalb brauchbar. Bei null oder einem Ja ist alles im Rahmen, handle weiter nach Plan. Bei zwei oder drei Ja ist der nächste Trade kein Trade mehr, sondern eine Reaktion; setz die Größe zurück auf das Niveau deines ersten Trades und warte auf ein vollständiges Setup, nicht auf eine Gelegenheit. Bei vier oder mehr Ja gilt der Stopp-Plan weiter unten in diesem Artikel, ohne Diskussion mit dir selbst.

Frage sechs ist erfahrungsgemäß die wirksamste. Sie umgeht die Rationalisierung, weil sie nicht nach Regeln fragt, sondern nach einem Gefühl, das sich schlecht wegargumentieren lässt. Wer bei Frage sechs zögert, hat die Antwort auf den ganzen Test schon gegeben.

Was Revenge Trading wirklich kostet

Die eigentliche Gefahr ist nicht der einzelne Verlust, sondern die Asymmetrie der Erholung. Ein Drawdown von 20 Prozent braucht 25 Prozent Rendite, um wieder bei null zu stehen. Ein Drawdown von 50 Prozent braucht 100 Prozent. Die Kurve wird nach unten hin immer unfreundlicher, während Revenge Trading genau in diese Richtung beschleunigt. Dazu passt ein Befund aus der Kapitalmarktforschung, der als Disposition-Effekt bekannt ist: Privatanleger realisieren Gewinne deutlich häufiger als Verluste, und dieses Verhalten lässt sich weder mit Steuer- noch mit Rebalancing-Motiven rechtfertigen, es führt schlicht zu schlechteren Renditen (Odean, The Journal of Finance, 1998). Für gehebelte Produkte im Privatkundenbereich hält auch die Aufsicht fest, dass ein Großteil der Anleger das eingesetzte Kapital verliert (BaFin, Allgemeinverfügung zu Differenzgeschäften, 2019).

Die emotionalen Kosten stehen in keiner Statistik, sind aber genauso real. Nach einem Nachlege-Tag schlafen die meisten schlecht, sitzen am nächsten Morgen mit Vermeidungshaltung vor dem Chart und lassen ausgerechnet die sauberen Einstiege liegen, weil die Angst vor dem nächsten roten Trade größer ist als das Vertrauen in die eigene Methodik. Über Wochen entsteht daraus ein schleichender Vertrauensverlust in ein System, das eigentlich funktioniert.

Am teuersten ist aber ein dritter Effekt, den kaum jemand sofort auf der Rechnung hat: Die eigene Statistik wird unbrauchbar. Wer im Affekt handelt, mischt Trades ohne Setup unter die Trades mit Setup. Hinterher lässt sich nicht mehr auswerten, ob die Strategie funktioniert oder ob nur die Ausführung entgleist ist. Damit verlierst du nicht nur Geld, sondern die Grundlage, auf der du besser werden könntest. Deshalb kommen wir weiter unten auf das Journal zurück.

Ein Rechenbeispiel: wie aus einem geplanten Verlust ein Drittel des Monats wird

Eskalation in vier Trades: aus 250 US-Dollar geplantem Verlust werden 3.900 US-Dollar in 47 Minuten

Das folgende Beispiel ist ein illustratives Rechenmodell, kein realer Kundenfall. Es zeigt nur, wie sich Zahlen entwickeln, wenn die Positionsgröße der Emotion folgt. Ausgangslage: ein Konto von 25.000 US-Dollar, geplantes Risiko rund ein Prozent, also etwa 250 US-Dollar je Trade. Gehandelt wird der ES, wir rechnen mit einem Punktwert von 50 US-Dollar je Kontrakt.

  1. Trade 1, planmäßig. 1 Kontrakt, Stop 5 Punkte. Der Stop wird ausgelöst, Ergebnis minus 250 US-Dollar. Bis hierher ist alles korrekt gelaufen, dieser Trade ist kein Fehler, sondern Betrieb.
  2. Trade 2, vier Minuten später. 2 Kontrakte, der Stop wird nicht mehr platziert, sondern mental auf 8 Punkte gedehnt. Ergebnis minus 800 US-Dollar.
  3. Trade 3, ohne gesetzten Stop. 3 Kontrakte, der Ausstieg passiert erst bei 11 Punkten, weil vorher die Hoffnung dagegen hält. Ergebnis minus 1.650 US-Dollar.
  4. Trade 4, der letzte Versuch. 4 Kontrakte, 6 Punkte Bewegung gegen die Position. Ergebnis minus 1.200 US-Dollar.

Summe: minus 3.900 US-Dollar in 47 Minuten. Das sind 15,6 Prozent des Kontos, entstanden aus einem geplanten Verlust von 250 US-Dollar. Der entscheidende Punkt steckt nicht in der Summe, sondern im Verlauf: Die Positionsgröße hat sich vervierfacht, während die Urteilsfähigkeit gesunken ist. Genau umgekehrt zu dem, was sinnvoll wäre. Parallel dazu verschlechtert sich mit jedem gedehnten Stop das Risiko-Ertrags-Verhältnis, weil der Verlustarm länger wird, ohne dass das Ziel mitwächst.

Und dann kommt die Rückrechnung. Um 15,6 Prozent aufzuholen, braucht das Konto rund 18,5 Prozent Rendite. Bei einem Prozent Risiko je Trade und einem realistischen Erwartungswert sind das viele saubere Wochen, um 47 Minuten auszugleichen. Wer mit kleineren Konten arbeitet, kann diese Eskalation über den Micro-Kontrakt MES deutlich entschärfen, weil die Schrittweite dort feiner ist. Das löst allerdings nur das Rechenproblem, nicht das Verhaltensproblem.

Der Stopp-Plan: was du in den nächsten zehn Minuten tust

Stopp-Plan gegen Revenge Trading in drei Zeitfenstern: sofort, nach Handelsschluss, am nächsten Morgen

Wenn der Selbsttest angeschlagen hat, brauchst du keine Analyse, sondern eine Handlung. Der Plan hat drei Zeitfenster, und jedes endet mit einem Schritt, den du entweder gemacht hast oder nicht. Eine Haltung reicht hier nicht.

Sofort: die nächsten zehn Minuten

Schließ die Handelsplattform. Nicht minimieren, nicht wegklicken, schließen. Der Unterschied zwischen ich mache mal Pause und ich schließe die Order-Maske und stehe auf ist der ganze Punkt, weil ein offenes Order-Fenster im Affekt eine Einladung bleibt. Steh danach physisch auf und verlass den Raum für mindestens fünf Minuten. Wir arbeiten in der Ausbildung mit genau dieser Fünf-Minuten-Pause nach jedem ausgelösten Stop, unabhängig davon, wie ruhig man sich fühlt. Erst danach entscheidest du, ob der Handelstag weitergeht, und nicht vorher. Konkreter Schritt: Plattform zu, Stuhl leer, Timer auf fünf Minuten.

Nach Handelsschluss: den Tag auswerten statt verdrängen

Der Reflex nach einem solchen Tag ist, den Rechner zuzuklappen und nicht mehr hinzusehen. Dadurch geht die einzige verwertbare Information verloren. Erfass den Tag im Journal, solange die Erinnerung frisch ist, und zwar mit dem Auslöser, nicht nur mit dem Ergebnis. Die Leitfrage lautet: Was war der Gedanke unmittelbar vor dem zweiten Trade? Diese eine Notiz ist später mehr wert als die komplette Trade-Liste. Konkreter Schritt: ein Eintrag je Trade mit Auslöser und Gefühlslage, noch am selben Abend.

Am nächsten Morgen: mit halber Größe zurück

Zurück kommst du mit reduzierter Größe, nicht mit der gleichen und erst recht nicht mit einer größeren. Der Grund ist nicht Vorsicht um ihrer selbst willen, sondern Wiederaufbau: Es geht darum, das Vertrauen in die eigene Ausführung zurückzugewinnen, und dafür brauchst du saubere Trades, keine großen. Aufholen ist an diesem Tag ausdrücklich kein Ziel. Hochskaliert wird erst wieder, wenn die Ausführung über mehrere Tage stabil war, nicht nach einem grünen Morgen. Hilfreich ist, den Einstieg in dieser Phase strikt an ein objektives Kriterium zu binden, etwa an eine saubere Bestätigung im Orderflow, damit die Entscheidung nicht wieder am Bauchgefühl hängt. Konkreter Schritt: halbe Positionsgröße, maximal drei Trades, danach Feierabend.

Revenge Trading, FOMO und Overtrading: wo der Unterschied liegt

Von außen sehen alle drei gleich aus, nämlich nach zu vielen Trades. Die Auslöser sind aber verschieden, und deshalb helfen auch verschiedene Gegenmaßnahmen.

  • Revenge Trading: Auslöser ist ein realisierter Verlust. Die Blickrichtung geht nach hinten, es geht um Wiedergutmachung. Der Trade existiert wegen des Kontostands.
  • FOMO: Auslöser ist eine Bewegung, die ohne dich läuft. Die Blickrichtung geht nach vorn, es geht um eine verpasste Chance. Der Einstieg kommt zu spät, oft am Ende der Bewegung. Ausführlich behandeln wir das in unserem Artikel zu FOMO Trading.
  • Overtrading: kein einzelner Auslöser, sondern ein Frequenzmuster über Wochen. Es zeigt sich erst in der Auswertung, nicht im Moment. Dass hohe Aktivität und schwächere Nettoergebnisse zusammenhängen, ist für Privatanleger empirisch gut belegt: Die aktivsten Haushalte einer Untersuchung von 66.465 Depots erzielten 11,4 Prozent Rendite pro Jahr, während der Markt 17,9 Prozent brachte (Barber und Odean, The Journal of Finance, 2000).

Revenge Trading und FOMO können beide in Overtrading münden. Deshalb bringt es wenig, im Journal nur die Anzahl der Trades zu zählen. Schreib den Auslöser mit, sonst siehst du am Monatsende zwar das Symptom, aber nicht die Ursache.

Strukturelle Prävention: Regeln, die greifen, bevor die Emotion da ist

Disziplin im Moment der Emotion ist unzuverlässig. Das ist keine Charakterfrage, sondern folgt aus dem, was oben zur Stressreaktion steht. Die Lösung ist deshalb nicht mehr Willenskraft, sondern eine Regel, die vorher feststeht und die du im Affekt gar nicht mehr ändern kannst. Wir arbeiten dabei durchgehend mit Wenn-Dann-Regeln ohne Auslegungsspielraum, weil jede Regel, über die man im Moment noch verhandeln kann, im Moment auch verhandelt wird.

Tagesverlustlimit und Cool-off-Regel

Ein hartes Tagesverlustlimit ist die wirksamste Einzelmaßnahme. Es wird vorher definiert und idealerweise plattformseitig erzwungen, damit du es nicht selbst aufheben kannst. Die Höhe sollte so gewählt sein, dass der Betrag im Ernstfall gut wegzustecken ist und nicht existenzbedrohend wirkt; ein Limit, das schon beim Erreichen Panik auslöst, hat seinen Zweck verfehlt. Dass professionelle Risikoträger dieser Logik folgen, siehst du an jedem Regelwerk einer Prop-Firma: Daily-Loss-Limits stehen dort nicht aus pädagogischen Gründen drin, sondern weil sie das Kapital schützen. Ergänz das Limit um eine Cool-off-Regel nach zwei Stop-Loss-Trades in Folge, mit fester Dauer statt nach Gefühl, und um eine Regel für längere Verluststrecken, etwa nach drei Verlusttagen am vierten Tag nicht zu handeln. Die Details dazu vertiefen wir im Artikel zum Risikomanagement.

Positionsgröße deckeln statt hochfahren

Leg deine Positionsgröße als Obergrenze für den Tag fest, nicht als variable Größe, die du im Verlauf anpasst. Als Faustformel arbeiten viele Trader mit etwa 1 bis 2 Prozent Risiko je Trade. Der genaue Wert ist individuell und hängt von Kontogröße, Strategie und Erwartungswert ab; wichtiger als die Nachkommastelle ist, dass er über Wochen konstant bleibt. Konstanz schlägt den Prozentwert, weil nur eine gleichbleibende Größe deine Ergebnisse vergleichbar macht. Nach einem Verlusttag geht die Größe runter, nie rauf. Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob aus einem normalen roten Tag ein Drawdown wird, aus dem du wochenlang herausarbeitest.

Das Trading-Journal als Frühwarnsystem

Ein Journal, das nur Ein- und Ausstieg erfasst, sagt dir nichts über Revenge Trading. Der Nutzen entsteht erst durch eine zusätzliche Spalte: den emotionalen Zustand unmittelbar vor dem Trade und den Auslöser für den Einstieg. Wir nutzen dafür den Trade Tracer, das Prinzip funktioniert aber mit jedem Werkzeug, das diese Felder zulässt. Nach etwa vier Wochen siehst du dein Muster in den Daten statt im Bauchgefühl, zum Beispiel dass 80 Prozent deiner Verluste aus Trades stammen, die weniger als zehn Minuten nach einem roten Trade eröffnet wurden. Diese Zahl ist überzeugender als jeder gute Vorsatz. Wo das allein nicht trägt, hilft externe Struktur: Unser sechsmal wöchentliches Live-Trading sorgt dafür, dass jemand mitschaut, wenn die Größe plötzlich steigt. Wer den Weg vom Bauchgefühl zu einer belastbaren Marktmeinung systematisch gehen will, findet den Aufbau dazu in Bias Mastery.

Fazit

Revenge Trading ist kein Disziplinproblem, sondern ein Strukturproblem. Der Impuls nach einem Verlust ist normal und gut dokumentiert; die einzige Frage ist, ob er auf eine Regel trifft oder auf ein offenes Order-Fenster. Drei Hebel entscheiden darüber: erkennen, sofort stoppen, vorher regeln. Der Selbsttest liefert das Erkennen, der Stopp-Plan die Handlung für die nächsten zehn Minuten, und Tagesverlustlimit, gedeckelte Positionsgröße und ein Journal mit Auslöser-Spalte sorgen dafür, dass der Fall gar nicht erst so oft eintritt.

Regeln allein durchzuhalten ist erfahrungsgemäß schwerer als mit jemandem, der mitschaut. Wer nicht allein daran arbeiten will, findet in unserer Daytrading Ausbildung die Struktur und die Betreuung dafür.

Quellen und weiterführende Links

  1. Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk, Daniel Kahneman und Amos Tversky, Econometrica Vol. 47 No. 2, The Econometric Society, 1979.
  2. Verlustaversion, Wikipedia (deutschsprachig), zuletzt geprüft 2026.
  3. Are Investors Reluctant to Realize Their Losses?, Terrance Odean, The Journal of Finance Vol. 53 No. 5, 1998.
  4. Disposition effect, Wikipedia (englischsprachig), zuletzt geprüft 2026.
  5. Measuring the Stress of Financial Traders, Zusammenfassung zu Andrew W. Lo und Dmitry V. Repin, The Psychophysiology of Real-Time Financial Risk Processing, National Bureau of Economic Research, 2002.
  6. Allgemeinverfügung bezüglich sog. Differenzgeschäfte (CFD), Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), 2019.
Häufig gestellte Fragen

Antworten zu diesem Thema

Was ist Revenge Trading?
Revenge Trading ist der Versuch, einen gerade erlittenen Verlust sofort durch neue Trades auszugleichen. Der Einstieg entsteht aus dem Kontostand, nicht aus einem gültigen Marktsignal. Erkennbar wird das daran, dass der Trader die eigenen Regeln zu Positionsgröße, Stop und Setup-Qualität in genau diesem Moment lockert, ohne dass sich im Markt etwas geändert hat.
Woran erkenne ich, dass ich gerade Revenge Trading betreibe?
Die drei verlässlichsten Signale sind: eine höhere Positionsgröße als beim ersten Trade des Tages, ein deutlich verkürzter Abstand zum letzten Verlust und ein gedehnter oder fehlender Stop-Loss. Kommen zwei davon zusammen, ist der nächste Einstieg mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Reaktion. Der Selbsttest weiter oben im Artikel ergänzt vier weitere Fragen für den akuten Moment.
Wie lange sollte ich nach einer Verlustserie pausieren?
Es gibt keine allgemeingültige Dauer, und jede Zahl, die dir jemand nennt, ist eine Konvention. Entscheidend ist, dass die Dauer vorher festgelegt wurde und im Moment selbst nicht mehr verhandelt wird. Praktikabel ist die Regel, den Rest des Handelstages auszusetzen, weil sie keinen Auslegungsspielraum lässt. Bei längeren Verluststrecken ist ein zusätzlicher handelsfreier Tag sinnvoll.
Ist Revenge Trading dasselbe wie Overtrading?
Nein. Overtrading beschreibt die Handelsfrequenz über einen Zeitraum und fällt erst in der Auswertung auf. Revenge Trading beschreibt den Auslöser eines einzelnen Trades, nämlich einen vorangegangenen Verlust. Beides hängt zusammen, weil wiederholtes Revenge Trading zu Overtrading führt, aber die Gegenmaßnahmen sind unterschiedlich: Frequenzgrenzen gegen das eine, Cool-off-Regeln gegen das andere.
Hilft ein Trading-Journal wirklich gegen Revenge Trading?
Ja, allerdings nur, wenn du den emotionalen Zustand und den Auslöser miterfasst und nicht nur Ein- und Ausstieg. Der Nutzen entsteht durch das wiederkehrende Muster über Wochen, nicht durch den einzelnen Eintrag. Im Trade Tracer oder einem vergleichbaren Journal wird nach etwa vier Wochen sichtbar, welcher Anteil deiner Verluste aus Trades unmittelbar nach einem roten Trade stammt.
Kann man Revenge Trading dauerhaft ablegen?
Der Impuls verschwindet nicht vollständig, das wäre ein unehrliches Versprechen. Verlustschmerz ist eine normale Reaktion und lässt sich nicht wegtrainieren. Was sich verändern lässt, ist der Abstand zwischen Impuls und Ausführung. Genau dort setzen feste Regeln, ein Tagesverlustlimit und eine Cool-off-Phase an: Sie machen den Impuls folgenlos, statt ihn zu bekämpfen.
Kaan Aslan

Über den Autor

Kaan Aslan

Gründer, Geschäftsführer, Head Trader und Headcoach

Kaan Aslan ist Gründer und Head Trader von Traivend, seit 2017 an den Börsen aktiv. Spezialisiert auf Futures-Handel mit Orderflow- und Auktionstheorie-Ansatz.

Bereit für den nächsten Schritt?

Starte deine kostenlose Trading-Ausbildung im The Trading Path – erste Schritte & Grundlagen, sofortiger Zugang, 100 % kostenlos.