Volume Profile Trading: Wie du POC, Value Area und Volumenkanten wirklich handelst

Volume Profile Trading: Wie du POC, Value Area und Volumenkanten wirklich handelst

Kaan AslanKaan Aslan18. September 202615 min Lesezeit

Volume Profile Trading heißt: Du liest im Chart ab, auf welchen Preisen tatsächlich gehandelt wurde, und leitest daraus eine Erwartung ab, keine Prognose. Das Profil trennt akzeptierte von abgelehnten Preisbereichen. Wann und wo du daraus eine Position machst, entscheidet erst der Kontext darum herum.

Das Werkzeug selbst ist kostenlos und in jedem gängigen Chartprogramm enthalten. Das Profil auf den Chart zu ziehen dauert zehn Sekunden, es zu lesen ist die eigentliche Arbeit. Genau da liegt auch der Grund, warum so viele Trader mit dem Volumenprofil nicht weiterkommen: Sie kennen die Begriffe, aber nicht die Auktionslogik dahinter. Ein Profil sicher zu interpretieren lernst du nicht an einem Wochenende, dafür brauchst du mehrere hundert Stunden Chartzeit.

Dieser Artikel ist deshalb keine weitere Definitionssammlung. Du bekommst die saubere Abgrenzung zum Market Profile, eine ehrliche Einordnung der Datenlage bei Futures gegenüber Forex und CFDs, die vier Profil-Elemente im Handelskontext, zwei Grundrichtungen für den Einsatz und ein durchgesprochenes Praxisbeispiel. Wenn du beim Thema Volumen ganz am Anfang stehst, fang besser bei den Grundlagen des Volumen-Tradings an und komm dann hierher zurück.

Was Volume Profile Trading praktisch bedeutet

Ein Volumenprofil ist ein horizontales Histogramm, das die gehandelte Menge je Preisniveau abträgt statt je Zeiteinheit. Wer die formale Definition nachlesen will, findet im Lexikon, was ein Volumenprofil genau zeigt. Der Rest dieses Artikels beschäftigt sich mit der Frage, die danach kommt.

Denn für die Handelsentscheidung ist nicht interessant, wie viel insgesamt gehandelt wurde, sondern wo gehandelt wurde und wo eben nicht. Ein Preisbereich, auf dem über Stunden große Mengen den Besitzer gewechselt haben, wurde vom Markt akzeptiert. Ein Bereich, durch den der Preis in Sekunden gerauscht ist, wurde abgelehnt. Diese beiden Zustände sind der gesamte Informationsgehalt eines Profils, alles Weitere ist Interpretation.

Wir bei Traivend behandeln das Profil deshalb als Grundlage der Marktvorbereitung, nicht als Signalgeber. Es beantwortet vor dem Handelstag die Frage, welche Bereiche überhaupt relevant sind, und liefert danach Bezugspunkte für Erwartungen. Was es nicht liefert, sind Einstiege. Wer im Profil nach Signalen sucht, wird sie finden, und zwar in jede Richtung gleichzeitig.

Volume Profile oder Market Profile? Preisbasiert gegen zeitbasiert

Market Profile gegen Volume Profile im NQ: dieselbe Session einmal als TPO-Zeitprofil und einmal als Volumenprofil

Diese Unterscheidung ist der fachliche Kern, und sie wird im deutschsprachigen Raum permanent verschludert. Beide Darstellungen sehen im Chart ähnlich aus, beide verwenden dieselben Begriffe (POC, Value Area, VAH, VAL) und beide messen etwas völlig anderes.

  • Volume Profile: misst die Menge pro Preis. Es zeigt, auf welchen Niveaus tatsächlich Kontrakte umgesetzt, also Positionen aufgebaut wurden.
  • Market Profile / TPO: misst die Verweildauer pro Preis. Eine Time Price Opportunity wird gesetzt, wenn der Preis in einem Zeitintervall ein Niveau berührt hat, unabhängig davon, ob dort eine große oder eine winzige Menge gehandelt wurde.

Das Market Profile ist historisch das ältere Konzept: Es wurde von J. Peter Steidlmayer an der Chicago Board of Trade entwickelt und trägt Preis gegen Zeit ab, woraus sich die typische glockenförmige Verteilung ergibt (Quelle: Wikipedia: Market profile). Dieselbe Quelle benennt auch die entscheidende Grenze des Ansatzes: Die TPO-Kennzahl misst Zeit an einem Preis, nicht zwangsläufig das dort gehandelte Volumen. Für präzisere Ergebnisse wird dort teils empfohlen, stattdessen das Volume Profile zu verwenden, das rein auf Volumen und Preis basiert und Zeit vollständig ausklammert. Die Dokumentation gängiger Orderflow-Software beschreibt beide Modi genau so nebeneinander und lässt sie getrennt oder kombiniert darstellen (ATAS Help Center: Volume Profile & TPO).

Im eigenen Trading arbeiten wir fast ausschließlich preisbasiert. Der Grund ist nüchtern und kein Werturteil über andere Ansätze: Uns interessiert die tatsächlich umgesetzte Menge, weil dort Positionen liegen, die verteidigt oder aufgelöst werden müssen. Zeit an einem Preis ist dafür ein indirekter Näherungswert. In der Ausbildung erklären wir das Market Profile, damit du es einordnen kannst, im Handel setzen wir aber auf das Volumenprofil. Wer den zeitbasierten Weg nachlesen möchte, findet Market Profile und die Value Area im Lexikon erklärt.

Woher dein Volumen kommt: Futures, Forex und CFDs ehrlich getrennt

Woher das Volumen kommt: zentral gemeldetes Volumen bei Futures gegen Tick-Volumen bei Forex und CFDs

Ein Volumenprofil ist nur so belastbar wie die Daten darunter. Das ist der Abschnitt, den fast kein Wettbewerber sauber macht, und er entscheidet darüber, ob deine Levels überhaupt eine gemeinsame Realität mit denen anderer Marktteilnehmer haben.

Handelsvolumen ist zunächst schlicht die Gesamtzahl gehandelter Einheiten eines Instruments in einem Zeitraum und gilt als Maß für Marktaktivität und Liquidität (Quelle: Wikipedia: Volume (finance)). Entscheidend ist, wer diese Zahl erhebt.

  • Zentral gehandelte Märkte: Bei Futures läuft jeder Abschluss über eine Terminbörse und wird dort gemeldet und aggregiert. Die Eurex Group etwa weist die an ihren Terminbörsen gehandelten Kontrakte jahrweise in Millionen Kontrakten aus (Quelle: Statista: Handelsvolumen der Eurex Group bis 2024). Das gemeldete Volumen ist damit die tatsächlich umgesetzte Menge, nicht eine Schätzung.
  • Spot-Forex und CFDs: Hier gibt es keine zentrale Börse, die jeden Abschluss meldet. Was als Volumen angezeigt wird, ist Broker- oder Tick-Volumen, also die Zahl der Preisaktualisierungen als Annäherung. Die TradingView-Dokumentation benennt das ausdrücklich: Für die Profilberechnung wird je Assetklasse ein anderer Datentyp genutzt: echtes Handelsvolumen bei Aktien, Tick-Volumen bei Indizes, Forex und Krypto-CFDs (Quelle: TradingView Help Center: Volume profile indicators).

Die praktische Folge ist unangenehm konkret: Dieselbe Value Area kann bei zwei Anbietern auf unterschiedlichen Preisen liegen, weil unterschiedliche Datenströme zugrunde liegen. Dein POC ist dann nicht der POC, auf den ein anderer Marktteilnehmer schaut. Das macht Profile in diesen Märkten nicht wertlos, es heißt nur, dass du deine Levels nicht für allgemeingültig halten darfst. Wir handeln primär ES und NQ, weil die Datenlage dort eindeutig ist. Eine Aussage darüber, ob Forex-Profile „funktionieren", gehört nicht hierher; die Datenlage zu benennen reicht.

POC, Value Area, HVN und LVN: im Handelskontext statt im Glossar

Die vier Elemente kennt jeder, der schon einmal ein Profil geöffnet hat. Interessant wird es bei der Frage, was du damit machst. Jede Definition bleibt deshalb hier bei einem Satz, danach geht es sofort um die Anwendung.

Der POC als Magnet, nicht als Linie

Der Point of Control ist das Preisniveau mit dem höchsten gehandelten Volumen im betrachteten Zeitraum (Quelle: TradingView Help Center). Im Lexikon steht ausführlicher, wie der POC den fairen Preis markiert. Handelsrelevant ist er, weil dort die höchste Preisakzeptanz herrschte: Der Markt kehrt auffallend häufig dorthin zurück, und größere Teilnehmer haben ein Interesse daran, diese Zone zu verteidigen.

Daraus ergibt sich eine Doppelrolle. Bei Rücksetzern taugt der POC als Zwischenziel, bei Fortsetzungsbewegungen als möglicher Wendepunkt. Besonders relevant wird er, wenn er mit einer Volumenkante oder einem Level aus einem größeren Profil zusammenfällt. Solche Kombinationslocations sind belastbarer als jeder Einzelwert. Und: Der POC ist ein Bereich, keine Linie. Wer ihn tickgenau handelt, handelt eine Illusion von Präzision.

Value Area: die faire Zone und ihre Rotation

Die Value Area umfasst konventionell rund 70 Prozent des im Zeitraum gehandelten Volumens rund um den POC; VAH und VAL markieren ihre obere und untere Grenze (Quelle: TradingView Help Center, wo 70 Prozent als typischer Standardwert genannt werden, sowie Wikipedia: Market profile, wo die 70 Prozent als zentrale Handelsaktivität um den POC beschrieben werden). Wichtig: Das ist eine Konvention aus der Market-Profile-Literatur und die Standardeinstellung gängiger Software, keine Naturkonstante und keine Traivend-Aussage. Was die Zone im Detail abgrenzt, steht unter Value Area.

Die eigentliche Idee dahinter heißt Value-Area-Rotation: Kehrt der Preis von außen in die Value Area zurück und hält sich dort, hat er Potenzial bis zum gegenüberliegenden Ende der Zone, mit dem POC als natürlichem Zwischenziel auf dem Weg. VAH und VAL sind dabei Akzeptanzgrenzen, keine magischen Levels. Sie sagen dir, wo die Mehrheit den Preis zuletzt für fair gehalten hat, und nicht, wo eine Umkehr stattfinden muss.

High Volume Nodes: Verteidigungszonen

High Volume Nodes sind die deutlich erkennbaren Volumenberge im Profil: Konsolidierungszonen, in denen der Preis als fair empfunden wurde und in denen sich der Markt beim erneuten Erreichen typischerweise verlangsamt (Quelle: TradingView Help Center). Sie sind das sichtbare Ergebnis einer Balance-Phase: Käufer und Verkäufer waren sich über den Preis weitgehend einig.

Im Handel funktionieren sie als Reaktions- und Verteidigungsbereiche, und hier steckt der praktisch wichtigste Punkt: Die Kanten sind wichtiger als die Mitte. Die Ober- und Unterkante eines Volumenbergs sind die prägnanten Zonen, an denen Reaktionen entstehen; im Inneren des Bergs ist der Markt träge und die Erwartung unscharf. Als Faustregel gilt außerdem: Je länger die Balance gedauert und je mehr Volumen sie aufgebaut hat, desto kräftiger fällt der Ausbruch tendenziell aus. Was ein Volumenberg strukturell aussagt, vertieft der Lexikoneintrag dazu, was ein High Volume Node verrät.

Low Volume Nodes: Beschleuniger

Low Volume Nodes sind das Gegenteil: dünne Stellen und regelrechte Lücken im Profil. Dort wurde kaum gehandelt, weil der Markt diese Preise abgelehnt hat. Die Dokumentation beschreibt das Verhalten treffend: Durch solche Bereiche schießt der Preis meist schnell hindurch oder prallt an ihnen ab (Quelle: TradingView Help Center).

Die brauchbare Erwartung daraus: Ein Markt durchläuft eine dünne Zone tendenziell mit ähnlicher Geschwindigkeit, mit der sie entstanden ist. Deshalb sind Low Volume Nodes Ziel- und Durchlaufbereiche, keine Einstiegsbereiche. Du handelst durch sie hindurch, nicht in ihnen. Und je prägnanter der Kontrast zwischen einem dicken Volumenberg und der dünnen Zone dahinter ausfällt, desto klarer ist die Ausgangslage. Ein zerfranstes Profil ohne erkennbare Struktur ist schlicht kein Handelsargument.

Balance und Imbalance: die Auktionslogik hinter dem Profil

Hier liegt der Punkt, an dem sich ernsthafte Profilarbeit von Indikator-Deutung trennt. Ein Volumenprofil ist kein Indikator, der aus Preisen einen Wert berechnet. Es ist das Abbild einer Auktion. Märkte an einer Börse bilden Preise, indem Kauf- und Verkaufsgebote zusammengeführt werden, historisch per Zuruf auf dem Parkett, heute elektronisch und nahezu augenblicklich (Quelle: Corporate Finance Institute: Auction Market). Auf dieser Mechanik baut die Auktionsmarkt-Theorie auf, aus der das gesamte Profilkonzept stammt; wir haben der Auktionstheorie hinter dem Marktgeschehen einen eigenen Artikel gewidmet.

Praktisch heißt das: Die Auktion sucht Preise, auf denen gehandelt wird, und verlässt Preise, auf denen nicht gehandelt wird.

  • Balance: Käufer und Verkäufer finden über längere Zeit zusammen, es entsteht ein Volumenberg. Der Markt hat einen Bereich gefunden, den beide Seiten akzeptieren. Details dazu unter Balance.
  • Imbalance: Eine Seite dominiert, der Preis läuft ohne nennenswerten Umsatz durch, es entstehen die dünnen Zonen. Warum das mehr ist als eine optische Auffälligkeit, steht unter Imbalance.

Aus dieser Logik, und nicht aus der Optik des Profils, entsteht die Erwartung. Dazu gehört auch die Beurteilung der Auktionsqualität: Ist die Bewegung sauber aufgebaut worden, mit klaren Verteidigungen und geordneten Rücksetzern, oder ist sie zerrissen und sprunghaft? Eine einseitige Auktion, in der nur eine Partei den Preis treibt, erzeugt eine andere Erwartung als eine zweiseitige, in der beide Seiten ständig um Niveaus ringen.

Und genau deshalb liefert das Profil allein keine Richtung: Es beschreibt Vergangenheit. Die Richtung kommt aus dem Kontext: aus der Auktionslage, der Marktphase und dem, was der Orderflow aktuell zeigt. Bei uns entsteht der Bias aus dieser Gesamtlage, nicht aus dem Profilbild.

Zwei Grundrichtungen: zurück zum Hauptvolumen oder von der Kante weg

Zwei Grundrichtungen im Volume Profile: Rückkehr zum Hauptvolumen oder Bewegung weg von der Volumenkante

Aus der Auktionslogik lassen sich viele Anwendungen ableiten. Zwei Grundrichtungen decken den größten Teil der brauchbaren Ausgangslagen ab, und beide beruhen auf demselben Gedanken: Der Markt strebt zu Preisen, an denen gehandelt wird, und meidet Preise, an denen nicht gehandelt wird.

Rückkehr zum Hauptvolumen

  • Ausgangslage: Der Preis notiert außerhalb der Value Area, ohne dass dort draußen nennenswert Volumen aufgebaut wurde. Es gibt Bewegung, aber keine Akzeptanz.
  • Erwartung: Rückkehr in die faire Zone. Der POC ist das erste Zwischenziel, die gegenüberliegende Kante der Value Area das weitergehende.
  • Was den Fall entkräftet: Außerhalb baut sich neues Volumen auf. Dann ist die Ablehnung keine Ablehnung mehr, sondern eine neue Wertfindung, und die Grundlage der Erwartung entfällt.
  • Bestätigungsebene: Nicht der Kerzenverlauf allein, sondern das Verhalten des Volumens beim Zurücklaufen. Baut sich auf dem Weg zurück wieder Umsatz auf oder bleibt es dünn?
  • Einordnung: Konzeptionell ist das eine Form der Rückkehr zum Mittelwert, allerdings mit einem volumengestützten Mittelwert statt einem gleitenden Durchschnitt.

Weg von der Volumenkante

  • Ausgangslage: Eine lange Balance-Phase hat einen ausgeprägten Volumenberg mit einer prägnanten Kante erzeugt, und dahinter liegt ein dünner Bereich.
  • Erwartung: Verlässt der Markt die Kante, kann er den dünnen Bereich zügig durchlaufen, weil dort wenig Gegenwehr liegt.
  • Was den Fall entkräftet: Der Markt bleibt an der Kante hängen und baut dort erneut Volumen auf. Dann wird aus dem Ausbruch eine Erweiterung der Balance.
  • Referenzpunkt: Die Absicherung orientiert sich an der Kante selbst, nicht an einem runden Punktwert oder einer festen Tickzahl.
  • Einordnung: Ausschlaggebend ist die Geschwindigkeit, mit der der dünne Bereich angegangen wird. Zäh ist hier ein Warnsignal. Wie sich Ausbrüche zusätzlich bestätigen lassen, zeigen wir im Artikel zum Breakout Trading.

Zur Positionsgröße nur so viel: Wähle sie so, dass ein einzelner Trade nichts entscheidet. Als Faustformel bewegen sich viele Trader bei etwa ein bis zwei Prozent Risiko je Trade. Das ist individuell, und Konstanz in der Umsetzung schlägt jeden exakten Prozentwert. Wenn du diese beiden Richtungen mit Auktionslogik und Orderflow systematisch verbinden willst, ist das genau der Stoff, den wir im Modul Orderflow Mastery ausführlich behandeln.

Bitte behandle die obigen Setups als Einblick, nicht als vollständiges Handelssystem.

Welches Profil für welchen Zeitraum und welche Werkzeuge du wirklich brauchst

Ein Profil ist immer an einen Zeitraum gebunden, und der Zeitraum entscheidet über die Aussage. Gängige Software lässt die Profilperiode frei setzen: von Minuten über Tage und Wochen bis zu Monaten oder einem benutzerdefinierten Fenster, etwa um ein Profil exakt an eine Handelssession statt an den Kalendertag anzupassen (Quelle: ATAS Help Center). Daneben existieren Varianten, die nicht an eine Periode, sondern an einen Chartausschnitt oder eine frei gewählte Spanne gebunden sind. Fixed Range und Visible Range gehören zum Standardumfang (Quelle: TradingView Help Center).

  • Monatsprofil auf dem Tages- oder H4-Chart: die großen Akzeptanzzonen und langfristig verteidigten Bereiche.
  • Wochenprofil auf dem H1-Chart: Umverteilungen innerhalb der Woche und die Wochen-Range.
  • Tagesprofil auf 15 Minuten: Tagesakzeptanz, POC-Verschiebungen und die relevanten Volumenkanten für den Intraday-Handel.
  • Fixed Range für einzelne Bewegungen: wenn dich eine konkrete Impulsbewegung interessiert und kein Kalenderfenster.

Bei den Werkzeugen halten wir es bewusst schlank. Das Profil selbst steckt in jedem gängigen Chartprogramm; wir nutzen daneben TradingView, Bookmap, Footprint-Charts und Level-2 sowie zwei Ergänzungen im Chart: die Delta-Analyse, um zu sehen, welche Seite an einem Level aggressiv agiert, und den VWAP als volumengewichteten Bezugspreis. Mehr braucht es nicht, und der Grundsatz dahinter gilt uneingeschränkt: Weniger im Chart schlägt mehr im Chart. Wer wissen will, wie diese Werkzeuge im Detail zusammenspielen, findet das in unserem Guide zum Orderflow Trading.

Praxisbeispiel: Value-Area-Rotation im NQ

Praxisbeispiel im NQ-Future: Eröffnung unter der Value Area, Rotation zurück in die Value Area bis zum POC

Der folgende Ablauf zeigt, wie eine Profilanalyse konkret abläuft. Es geht ausdrücklich um die Abfolge der Fragen, nicht um eine Erfolgsgeschichte. Konkrete Kurswerte lassen wir bewusst weg, weil sie den Blick auf die Logik verstellen.

Schritt 1: Vortagesprofil einordnen. Vor der Eröffnung liegt das Profil des Vortages auf dem Chart. Wir markieren POC, VAH und VAL und schauen uns die Form an: Gab es einen klaren Volumenberg mit sauberen Kanten oder war das Profil breit und flach? Ein flaches Profil ohne erkennbaren Schwerpunkt ist bereits eine Information: Die Auktion hat am Vortag keinen klaren Wertbereich gefunden.

Schritt 2: Eröffnung einordnen. Der NQ eröffnet außerhalb der Value Area des Vortages. Jetzt lautet die Frage nicht „long oder short", sondern: Ist das eine Ablehnung des bisherigen Wertbereichs oder der Beginn einer neuen Akzeptanz auf höherem beziehungsweise tieferem Niveau? Beides sieht in den ersten Minuten identisch aus.

Schritt 3: Volumenaufbau prüfen. Die Antwort liefert das Volumen, nicht die Kerze. Baut sich auf dem neuen Niveau nennenswert Umsatz auf, entsteht dort gerade ein neuer Wertbereich, dann bleiben wir draußen. Bleibt der Bereich dünn, während der Preis dort verharrt, spricht das für Ablehnung.

Schritt 4: Erwartung formulieren. Im zweiten Fall lautet die Erwartung: Rotation zurück in die Value Area, POC als erstes Zwischenziel, die gegenüberliegende Kante als weitergehendes. Diese Erwartung wird vor dem Einstieg formuliert, nicht danach, sonst passt man sie unbewusst an das an, was der Markt gerade macht.

Schritt 5: Absicherung festlegen. Der Stop-Loss liegt jenseits der Volumenkante, die die Erwartung trägt. Die Logik dahinter: Wird diese Kante überzeugend durchhandelt, war die Annahme über die Auktionslage falsch, und dann muss die Position weg, unabhängig davon, wie viele Punkte das gerade sind. Die Kante bestimmt den Stop, nicht ein runder Betrag und nicht der gewünschte Abstand.

Schritt 6: Ungültigkeit definieren. Entkräftet hätte den Fall: Volumenaufbau außerhalb der Value Area, ein Verharren an der Rückkehrkante ohne Fortsetzung, oder ein Delta, das beim Zurücklaufen konsequent gegen die Erwartung läuft.

Und der ehrliche Abschluss: Auch eine sauber aufgebaute Lage läuft nicht immer auf. Das ist keine Garantie, sondern ein Ablauf, der Entscheidungen nachvollziehbar macht, im Gewinn- wie im Verlustfall.

Fünf häufige Fehler beim Volume Profile Trading

Diese fünf Muster sehen wir in der Betreuung immer wieder, und keines davon ist ein Anfängerfehler im klassischen Sinn.

  1. Das Profil isoliert lesen. Ohne Price Action, Marktphase und Orderflow ist ein Volumenprofil nur ein Histogramm. Korrektur: Das Profil liefert die Bereiche, der Kontext liefert die Richtung.
  2. Levels als Signale behandeln. Der POC ist eine Zone, keine Linie; VAH und VAL sind Grenzen der Akzeptanz, keine Auslöser. Korrektur: Bereiche einzeichnen, nicht Linien, und auf die Reaktion warten statt auf die Berührung.
  3. Auf die Mitte der Volumenberge schauen statt auf die Kanten. Im Inneren eines Bergs ist der Markt träge. Korrektur: Ober- und Unterkante markieren, dort passieren die Reaktionen.
  4. Low Volume Nodes als Einstiegsbereiche nutzen. Genau dort will der Markt schnell durch. Korrektur: Dünne Zonen als Ziel- und Durchlaufbereiche behandeln, Einstiege an den Kanten der dicken Bereiche suchen.
  5. Profil-Zeitraum und Handelshorizont passen nicht zusammen. Ein Monatsprofil für einen Intraday-Trade produziert Levels, die für den Tag kaum Bedeutung haben, und drei übereinanderliegende Profile plus Indikatorenkranz produzieren widersprüchliche Erwartungen. Korrektur: Ein Profil je Zeitebene, und die Zeitebene passend zum Handelshorizont wählen.

Fällt dir beim Lesen auf, dass die Grundlagen noch wackeln (etwa was Volumen überhaupt aussagt und wie es Trends bestätigt), dann ist der Umweg über die Basics des Volumen-Tradings keine Zeitverschwendung, sondern die Abkürzung.

Fazit

Das Volumenprofil zeigt dir, wo gehandelt wurde, nicht, was als Nächstes passiert. Vier Punkte tragen die Arbeit damit: preisbasiert statt zeitbasiert denken und Volume Profile sauber vom Market Profile trennen; die Datenherkunft prüfen, bevor du Levels für allgemeingültig hältst; an den Kanten der Volumenberge arbeiten statt in ihrer Mitte; und den Kontext über jedes einzelne Level stellen. Wer das verinnerlicht hat, braucht kein zusätzliches Werkzeug mehr, sondern Chartzeit.

Wenn du die Auktionslogik hinter dem Profil systematisch und in der richtigen Reihenfolge lernen willst, findest du unseren Lernweg in unserer Daytrading-Ausbildung.

  1. Market profile, en.wikipedia.org (abgerufen 2026)
  2. Volume (finance), en.wikipedia.org (abgerufen 2026)
  3. Volume profile indicators: basic concepts, TradingView Help Center (abgerufen 2026)
  4. Volume Profile & TPO, ATAS Help Center (abgerufen 2026)
  5. Handelsvolumen der Eurex Group bis 2024, de.statista.com (2025)
  6. Auction Market, Corporate Finance Institute (abgerufen 2026)

Häufig gestellte Fragen

Antworten zu diesem Thema

Was ist die 80-Prozent-Regel im Volume Profile?
Die 80-Prozent-Regel stammt aus der Market-Profile-Praxis und wird häufig Jim Dalton zugeschrieben: Öffnet der Markt außerhalb der Value Area des Vortages und handelt anschließend zwei aufeinanderfolgende Halbstundenperioden wieder in ihr, gilt eine Rotation durch die gesamte Zone als wahrscheinlich. Die 80 Prozent sind dabei eine Erfahrungsgröße aus dieser Literatur und keine Ableitung aus den 70 Prozent der Value Area. Es bleibt eine Heuristik, keine Trefferquote, und keine Traivend-Aussage.
Ist das Volume Profile ein gutes Werkzeug?
Als Strukturwerkzeug ja, als Signalgeber nein. Es zeigt zuverlässig, wo gehandelt wurde und wo nicht, und liefert damit die Bereiche, an denen Entscheidungen überhaupt Sinn ergeben. Die Entscheidung selbst entsteht erst im Kontext. Wir behandeln es deshalb als Grundlage der Marktvorbereitung. Wer ein Einstiegssignal daraus ableiten will, überfordert das Werkzeug.
Welcher Volume-Profile-Indikator ist der beste?
Die Frage führt in die falsche Richtung. Nicht der Indikator entscheidet über die Qualität, sondern die Datenquelle darunter und deine Interpretation. Die Standard-Profile gängiger Chartprogramme reichen für alles, was hier beschrieben wurde. Investiere die Zeit lieber in die Frage, ob dein Datenstrom echtes Handelsvolumen oder eine Annäherung liefert.
Wie liest man ein Volume Profile im Trading?
In drei Schritten: Erstens die Volumenberge und vor allem deren Ober- und Unterkanten markieren. Zweitens POC und Value Area einordnen: Wo lag der Schwerpunkt, wie breit ist die faire Zone? Drittens die dünnen Bereiche als Durchlaufzonen erkennen. Danach kommt die entscheidende Kontextfrage: Wo steht der Preis gerade relativ zur Value Area, und baut sich dort Volumen auf?
Funktioniert Volume Profile auch bei Forex und CFDs?
Die Darstellung funktioniert, die Datenbasis ist eine andere. Bei Indizes, Forex und Krypto-CFDs wird für die Berechnung Tick-Volumen herangezogen, also die Zahl der Preisaktualisierungen, nicht das zentral gemeldete Handelsvolumen (TradingView Help Center). Die Folge: Deine Levels sind broker- beziehungsweise datenquellenabhängig und nicht zwingend deckungsgleich mit denen anderer Marktteilnehmer.
Reicht das Volume Profile allein als Handelssystem?
Nein. Ein Profil liefert Indizien über akzeptierte und abgelehnte Preise, mehr nicht. Erst im Zusammenspiel mit Auktionslage, Marktphase und Orderflow entsteht daraus eine handelbare Erwartung. Ehrlich zum Zeithorizont: Bis die Interpretation sitzt, brauchst du mehrere hundert Stunden Chartzeit. Das lässt sich verkürzen durch Struktur, aber nicht überspringen.
Kaan Aslan
Über den Autor

Kaan Aslan

Gründer, Geschäftsführer, Head Trader und Headcoach

Kaan Aslan ist Gründer und Head Trader von Traivend, seit 2017 an den Börsen aktiv. Spezialisiert auf Futures-Handel mit Orderflow- und Auktionstheorie-Ansatz.

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